Es gibt zumindest drei Arten von Freude oder Glück.

1. Das Glück, das entsteht, wenn ich etwas von der Welt bekomme.
2. Das Glück, das entsteht, wenn ich der Welt etwas geben kann.
3. Das Glück, das entsteht, wenn ich eine Abhängigkeit (Anhaftung, Ablehnung) los werde.

Die erste Form von Glück entspricht dem, was im Buddhismus das Leid des Wandels genannt wird. Ich habe einen Wunsch, eine Sehnsucht. Dann wird dieser Wunsch erfüllt, und ich bin eine gewisse Zeit lang glücklich. Dann tritt Gewöhnung ein, und es entsteht ein neuer Wunsch. Oder es entsteht die Angst, das Gewünschte zu verlieren. Bei dieser Form von Glück erlebe ich mich als Mangelwesen, das auf unzählige äußere Quellen von Glück angewiesen ist, sei es ein Partner, sei es Anerkennung, Wohlstand, Statussymbole, Sicherheit, etc.. Diese Form von Glück ist äußerst unbeständig. Die gesamte Wirklichkeit ist unbeständig, innen wie außen, wie nicht auch dieses Glück.

Die zweite Form von Glück kommt bei einer insgesamt altruistischen Lebenshaltung zum Tragen. Es macht glücklich, wenn ich jemandem helfen kann oder wenn ich bei einer sinnvollen Unternehmung, die das Wohl der Wesen zum Ziel hat, einen Beitrag leisten kann. Diese Form von Glück ist weniger von äußeren Bedingungen abhängig, da sie zuerst aus meiner inneren Haltung gegenüber der Welt resultiert. Hier gibt es natürlich auch die Form von falschem Altruismus, die über die simulierte selbstlose Tätigkeit Liebe und Anerkennung generieren will. Das gehört aber eher zur ersten Kategorie und führt oft zu Enttäuschungen und im schlimmsten Falle auch Burnout.

Die dritte Form von Glück entsteht, wenn die Anhaftungen, Konzepte, Vorstellungen, Erinnerungen, Hoffnungen und Pläne zur Ruhe kommen, indem ich systematisch versuche, sie während der Meditation zu erkennen und loszulassen. Je mehr ich durch diese Übung unmittelbar und ungefiltert durch Wünsche und Abneigungen in der Gegenwart ankomme, desto größer wird das Empfinden von Glück. Hier habe ich persönlich die bisher intensivste Form von Glück erlebt. Diese Form von Glück ist relativ unabhängig von äußeren Bedingungen und lässt sich im Laufe der Zeit kultivieren. Einen Haken hat diese Form allerdings. Sie ist so ungeheuer intensiv und befreiend, dass eine große Anhaftung entsteht. Wenn ich aber diese Form von Glück irgendwie erzeugen oder herbei zwingen oder durch diverse Techniken erreichen möchte, ist das Tor einfach nur zu (Punkt). Dieses Glück entsteht nur und gerade dann, wenn ich alles Wollen aufgebe, auch das Aufgeben-Wollen. Das ist aber erst möglich, wenn es mir gelingt, mich selbst als Mangelwesen, mich insgesamt mit allen Wünschen und Hoffnungen komplett zu vergessen.

Diese drei Formen von Glück wirken natürlich auch untereinander.

Je stärker die dritte Art von Glück ist, desto geringer wird meine Empfindung, ein Mangelwesen zu sein, das auf den guten Willen und die günstigen Bedingungen der Welt angewiesen ist. Das führt schon einmal zu einer großen Entlastung, da ich die Quellen von Glück und Zufriedenheit als innere Zustände erkenne, die weniger von der Unbeständigkeit der Außenwelt abhängig sind. Dadurch schwindet auch das Bedürfnis nach der ersten Form von Glück, und das Leid des Wandels wird weniger.

Allerdings gibt es auch unzählige innere Bedingungen, von dem dieses Glück abhängig ist. Solange ich dieses innere Glück brauche, haben möchte, es ersehne, weil ICH ansonsten unglücklich bin, wird es mir nur selten gelingen, dass dieses Glück überhaupt aufscheint. Auch hier empfinde ich mich wieder als Mangelwesen, das die Meditation, besondere innere wie äußere Bedingungen unbedingt braucht, um dieses Glück zu finden. Entsprechend unbefriedigend ist dann auch die Meditation und entsprechend eifersüchtig und wütend bin ich dann auch darauf bedacht, dass mich niemand stört, und dass die richtigen Bedingungen vorhanden sind, damit ich inneres Glück erleben kann. Hier wird also eher die erste Form von Glück, das Leid des Wandels, in die innere Wirklichkeit übertragen. Das ist natürlich zum Scheitern verurteilt, weshalb ich dann natürlich auch frustriert bin. Denn nur, wenn es mir gelingt – besser, wenn es mir geschenkt wird – alles loszulassen, mich selbst zu vergessen und dennoch vollkommen präsent zu sein, tritt die dritte Form von Glück zu Tage, wird diese Form von Glück überhaupt erst sichtbar. Die Erkenntnis tritt ein, dass dieses Glück ein Seinszustand ist, der niemals fort ist, nur verdeckt wird von Leidenschaften, Vorstellungen und Wünschen, Erinnerungen, Vergleichen, Kommentaren – vor allem von dem Eindruck, ein Mangelwesen zu sein.

Das Glücklich-Werden-Wollen steht wie kaum etwas anderes dem Glücklich-Sein im Weg. Wir sind keine Mangelwesen. Alles ist da, in jedem Augenblick. Wenn ich aufhöre zu wollen, kommt alles von alleine. Aber es ungeheuer schwer, nicht ständig etwas zu wollen. Das ist das, was ich unter Anhaftung verstehe.

Die zweite Art von Glück, die altruistische Grundhaltung, ist darum so besonders, weil in ihr das eigene Wollen zunehmend zugunsten der anderen Wesen zurücktritt. Dadurch höre ich auch auf, mich selbst als Mangelwesen zu begreifen. Ich habe etwas zu geben. Wenn ich aufhöre, mich als Mangelwesen zu begreifen, hört auch das ständige Wollen auf, die Anhaftung. Im echten Altruismus, der kein verdecktes Verlangen nach Liebe und Anerkennung ist, wende ich mich von meinem eigenen Wollen ab, ich gebe mich, meine Hoffnungen und Wünsche, Vorstellungen und Meinungen, Abneigungen und Kommentare auf, zum Wohle anderer. Wie bei der dritten Form von Glück, erscheint durch diese echte und befreiende Selbst-Aufgabe, durch die Abkehr von dem engen Wollen für das eigene Ich, eine große innere Freude und Freiheit, die ich in die Welt bringen kann.

Wenn ich mich nicht mehr als Mangelwesen begreife, indem ich die Erfahrung mache, dass alle Quellen des Glücks anwesend sind, wenn ich aufhöre, danach zu suchen, so ist die Existenz immer wieder von Freude durchdrungen, ohne dass es eines besonderen Anlasses bedürfte. Sei es das Lied der Amsel am Abend, der Baum im Garten, ein Regenschauer. Diese Freude beleuchtet die Welt, sie kommt nicht von der Welt.

Diese Freude ist ein innerer Zustand, der keiner äußerer Bedingungen bedarf, der aber die äußere Wirklichkeit durchdringen kann. Darum kann man diese Freude auch teilen, ohne dass sie weniger wird.

Ich selbst erlebe diese Dynamiken oft wie ein Labyrinth. Ich bin meist einfach zu verwirrt von meinen Wünschen und Ängsten, um das Wollen aufgeben zu können, weil ich es oft nicht einmal mehr merke, dass und was ich alles will und fürchte. Außerdem ist mein Ego sehr trickreiches Ding: Ich habe mir schon alles mögliche eingebildet, um dann zu erfahren, dass alles nur Vorstellungen gewesen sind. Darum ist Meditation meiner Ansicht nach so ungeheuer wichtig. Es sind die Momente am Tag, in denen ich mir dieser Strukturen bewusst werden kann. Als würde man aus der Vogelperspektive auf das Labyrinth aus Wünschen und Vorstellungen schauen. Vielleicht wird dann ein Ausweg sichtbar.