Wenn man etwas ändern will oder positiv beeinflussen möchte „zum Wohle aller Wesen“, dann sollte man zumindest eine Vorstellung davon haben, was dieses Wohl ist, und wie man dahin kommt – nicht vom Ziel her gedacht, sondern in Bezug auf den Weg dorthin, der in kleinen und vielen und winzigen Schritten und Rückschritten besteht. Ich brauche die Vorstellung eines „richtigen“ Lebens, damit ich das sehe, was es gilt, abzustreifen, zu überwinden, sich dessen zu entwöhnen.

Wenn ich die alten Werte nicht mehr teilen möchte, muss ich neue Werte etablieren können, wenn ich irgendwie positiv in der Gesellschaft wirken möchte. Seit meine Tochter auf der Welt ist, habe ich umso stärker das Bewusstsein dessen, dass in meiner Generation die Welt geschaffen wird, die meine Tochter von uns übernehmen wird. Es ist keine gute Welt, es ist eine abgründige Welt am Abgrund. Meine Wurzeln befinden sich im Schlamm dieses Abgrundes, von dort nehme ich Kraft, Nahrung, Sprache, Bilder und Denken. Ohne diesen Abgrund werde ich nie in der Lage sein, etwas hervorzubringen, was diesen Dreck vielleicht irgendwann einmal überwinden mag, ohne ihn zu negieren.

Es klingt manchmal so, als hätten wir eine Wahl, was wir sein wollen, dabei haben nicht einmal die Wahl, welche Richtung wir dem Gegebenen geben wollen, und selbst wenn es manchmal gelingt, ist dieses Gelingen in keiner Weise unabhängig, auch wenn die Entscheidung für oder gegen dies oder das vielleicht frei erscheint. Ich bestehe unter anderem auch aus dem Grauen dieser Welt, weil ich daraus hervorgehe, weil ich Sein und Kraft und Denken daraus schöpfe. Ich finde vor, was ich bin. Und da ist zum Beispiel das Faktum, dass meine Existenz in ihrer ruhigen Beschaulichkeit, relativen Sicherheit und Behaglichkeit, auf der Arbeit und dem Leiden anderer (Tiere wie Menschen) beruht, denn meine Arbeit schafft so gut wie keinen „echten“ Gegenwert zu dem Kapital, das ich erwirtschafte. Die Bedingungen unter denen meine Nahrung produziert wird, sind Bedingungen meiner Existenz. Ich finde das Leiden, das diese Bedingungen mit sich bringt, eingeschrieben in jede Zelle meines Körpers und in jedem Wort meines Denkens.

Ich „habe“ keinen „eigenen“ Geist. Ich sehe das Leiden so vieler Wesen, es ist so allumfassend. Selbst in der Schönheit und im Wohlbefinden, das ich in diesem Leben in mir vorfinde, ist dieses Leiden der anderen verborgen, alles ist durchdrungen von dieser ziellosen Mühsal. Je genauer ich hinschaue, desto deutlicher wird das. Das soll keine Klage sein, im Gegenteil. Ich nehme diese Dinge verstärkt wahr, weil ich zugleich immer mehr Momente und Situationen der Unabhängigkeit erlebe, in denen das Immer-Weiter-Wollen abnimmt und zugleich mit dieser dann eintretenden ECHTEN Ziellosigkeit kurze Momente der Freiheit aufscheinen. Umso ärger ist aus dieser Perspektive dann allerdings der Blick auf all das Zerren und Streben, Wollen und Negieren, all die Meinungen und Gegenmeinungen, all diese Ängste und Vorurteile, all dieses ständige Bedürfnis sich abzusichern, wo es keine Sicherheit geben kann.

Wie kann ich Kraft, Zeit, Erfahrung und Wissen, die mir in diessem Leben zur Verfügung stehen, am effizientesten einsetzen? Ein kleiner Teil einer Antwort darauf besteht darin, die Struktur der Krankheit zu verstehen, der eigenen wie auch die der anderen.

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